
Neunzehn Arbeiten von zwanzig Fotografen präsentiert das Buch “KILL YOUR DARLINGS“, kuratiert und herausgegeben von Ute Noll. Die im Buch vertretenen Fotografen haben zwischen 2005 und 2011 an der Hochschule für Künste in Bremen bei Peter Bialobrzeski studiert.
Das querformatige Softcover durchblättert sich angenehm und bietet einen Querschnitt junger Fotografie aus Deutschland. Den Abschluss des Buches bildet ein Interview von Ute Noll mit Peter Bialobrzeski, worin dieser Auskunft über sein fotografisches Lehramt gibt.
Auffällig ist die breite formale und thematische Streuung der präsentierten Arbeiten. Mal analytisch dokumentarisch, mal künstlerisch reflexiv, dann wieder inszeniert und abstrakt – anything goes. Insofern findet sich die im Interview mit Bialobrzeski dargestellte Offenheit der Lehre durchaus in den Arbeiten wieder.

Franziska von den Driesch zeigt in “Narzissus und die Tulipan…” Porträts von deutschen Konfirmanden. Die im Porträt sichtbaren Kinderzimmer scheinen den Heranwachsenden viel zu eng geworden, wodurch die vielfältigen Brüche der Adoleszenz spürbar werden.
Sandy Volz’ Serie “Stranger” gibt verhaltene Einblicke in die Innenräume von Kairoer Geschäften. Die dunklen, nur spärlich von Neon beleuchteten Ladenlokale verbergen mehr als sie preisgeben und laden doch zu genauer Erkundung ein.
“Die inszenierte Fremde” von Jorgen Kube präsentiert kryptische Porträts junger Menschen in zoologischen Dioramen. Die gespreizten Posen reflektieren die Künstlichkeit der Schaukästen und erlauben ein Hinterfragen von Realitätsbegriff und Sehgewohnheiten.
Der soziale Aspekt von Architektur beschäftigt Daniel Müller Jansen in “there is me & there is you”. In Südafrika fotografiert er in lichtdurchfluteten, klaren Kompositionen Housing Projects und Gated Communities.
Lustvoll hinterfragt Anja Engelke in “Piece of Cake” fotografische Ikonen von Becher bis Soth indem sie berühmte Fotografien in Backwerken nachbildet und wiederum abfotografiert.

Geht man der Frage nach dem Zusammenhalt der vielfältigen Arbeiten nach, so fällt eine gewisse Strenge der Arbeiten auf. Die Fotografen nehmen die Fotografie als Medium und ihre Inhalte sehr ernst.
Leichtigkeit, wie man sie von junger Fotografie erwarten würde, ist eher die Ausnahme. Anja Engelkes fotogenen Backwerken haftet in Gesellschaft der anderen ‘Darlings’ schon ein Hauch von Spaßguerilla an.
Und auch Ute Nolls Bildauswahl scheint großen auf Wert auf Geschlossenheit des Präsentierten zu legen. Somit wirkt ihre Zusammenstellung der ‘Darlings’ für mich sehr ausgereift, aber auch ein wenig zu gediegen.
Wenn schon ‘Junge Fotografie’ auf dem Buchcover steht, dann könnte man eine etwas frischere, weniger lineare Form erwarten und eine Auswahl, die auch mal Work in Progress mit sichtbaren Ecken und Kanten zeigt.
“KILL YOUR DARLINGS” ist so schön wie eine Sonntagsbeilage XXL – sehr präsentabel, aber auch sehr brav. Die frech durchgestrichene Typographie auf dem Cover des Buches verspricht jugendliche Aufmüpfigkeit, löst sie aber nicht ein. Schade eigentlich.

Sebastian Burger
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19 Jan 2012
Hallo Herr Feldhaus!
Vielen Dank für diese Rezension. Im Zuge weiterer Auseinandersetzung mit dem Projekt ist Ihre Kritik interessant.
Ich würde mich über ein Kommentar von Ihnen freuen, warum Sie bei Junger Fotografie zwangsläufig an Leichtigkeit denken. Das wäre mir nie in den Sinn gekommen, deswegen die naive Nachfrage.
Danke und Grüßle aus Bremen,
Sebastian Burger
(PF)
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19 Jan 2012
Hallo Sebastian,
es freut mich, wenn meine Anmerkungen zum Buch dein Interesse geweckt haben. Und auch meinen Glückwunsch zum Buch. 19 Arbeiten von 20 jungen Fotografen bei denen in der Buchpräsentation nichts wackelt oder kippt, das soll euch so erstmal einer nachmachen.
Bei junger Fotografie denke ich keineswegs zwangsläufig an Leichtigkeit. Allerdings gehört die Leichtigkeit, die Fähigkeit zur Mühelosigkeit und Unbekümmertheit, aus meiner Sicht zur Jugend und damit auch zur jungen Fotografie dazu.
Wenn nun in einer Reihe von 19 Arbeiten junger Fotografen diese Leichtigkeit fast vollständig fehlt, dann ist das schon so auffällig, das diese Fehlstelle fast wie eine Klammer über diesen Arbeiten liegt.
Stark subjektive, spontan fotografierte oder humorvolle Arbeiten sind bei den Darlings nicht wirklich vertreten.
Die Arbeiten von Tine Casper, André Hemstedt und Cosima Hanebeck sind zwar experimentell, aber auch sehr durchdacht. Sonja Eikes Familienbilder haben einen leichten Schnappschusscharakter, dieser ist aber sehr bewusst als Stilmittel gewählt. Jörg Brüggemanns Metalheadz könnten zu einem ironischen Blick verlocken, aber er entscheidet sich sehr deutlich und sehr bewusst dagegen.
Einzig Anja Engelkes Backwerke lassen mich lächeln: Thomas Ruffs Studenten in Zuckerguss, das ist Leichtigkeit.
Insofern tritt der große Ernst der meisten Arbeiten im Buch schon sehr deutlich zu Tage. Und dieser Ernst muss ja kein Makel sein, sondern er macht ja vielleicht die Qualität der Darlings-Gruppe aus.
Liebe Grüße aus Düsseldorf,
Peter
Peter Bialobrzeski
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21 Jan 2012
Interessant! Ich denke gerade drüber nach, ob eine konsequente Fotoarbeit überhaupt “leicht” sein kann. Kann Literatur leicht sein? Doch nur, wenn sie sorgfältig konstruiert ist, dass wir als Leser der Illusion erliegen, es sei mal eben so aus der Feder geflossen.
Ryan Mc Ginley gilt ja als “leicht”. Gleichzeitig ist es natürlich ebenfalls sehr bemüht, tausend Rollen Film, 10 Freunde, riesiges Produktionsbudget. So lange knipsen, bis es aussieht als sei es total zufällig.
Das Internet, Flickr, Facebook und andere sind voll von leichten Bildern, die in Ihrer Seichtigkeit nicht mal an Hera Lind heranreichen. Vielleicht habe ich zu lange in England gelebt, aber der hintergründige Humor in den Arbeiten von Dörte Haupt, Tine Casper und der erwähnten Anja Engelke ist mir da schon lieber.
Vielleicht sind es ja auch die nicht so lustigen Zeiten; die Kunst eines Martin Kippenberger oder Dieter Roths ist wahrscheinlich nicht nur zufällig zeitgleich mit den Arbeiten der Blumes entstanden.
Schön ist, dass die “Darlings” keinesfalls zum Lachen in den Keller gegangen sind, genauso wie Woody Allen und Heinz Erhard privat wohl auch nicht so lustig waren, wie man annehen sollte. Für die Themenfindung meiner Studierenden lehne ich jede Verantwortung ab.
Wichtig war mir immer eine erkennbare Position, eklektische Befindlichkeitsfotografie gibt es an den Hochschulen schon genug.
Daniel Müller Jansen
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22 Jan 2012
Das KILL YOUR DARLINGS Projekt ist von Anfang an auch als eine Strategie zur Erklärung einer “Bremer Schule” gedacht worden – oder hat vielmehr die Frage aufgeworfen, ob ein solches Projekt einen Schritt in diese Richtung darstellen kann.
Insofern ist es vielleicht gerade das “Brave” bzw. das Ernsthafte und Stringente in den KILL YOUR DARLINGS Arbeiten, in dem sich über die Jahre eine Art Handschrift der “Bremer Schule” manifestiert.
Diese Handschrift hat sich als solche auch bereits ein großes Stück weit durch eine Vielzahl von Gruppenprojekten wie beispielsweise dem “Kolkata Heritage Photo Project” und dem “Manieren Projekt des Bremer Focke Museums” etabliert. Eine Kritik an der gesteigerten Ernsthaftigkeit der Arbeiten beantwortet meine Ausgangsfrage und stärkt so die Wahrnehmung einer “Bremer Schule”.
(PF)
» Autor-Kommentar «
23 Jan 2012
Lieber Peter Bialobrzeski,
ich denke, wir entfernen uns hier etwas vom Stein des Anstoßes – dem Darlings-Buch und sprechen eher darüber, ob Fotografie überhaupt leicht sein kann.
Aber ja! Sie kann! Und dort wo sie sorgfältig konstruiert ist, muss man ihr das nicht immer deutlich ansehen.
Wenn wir die Literatur zum Gewichtsvergleich heranziehen: Richard Brautigan ist leicht, aber kein Leichtgewicht. Paul Auster ist komplex, aber nie schwergängig. Thomas Pynchon ist, auch wenn sein berühmtes Bananenfrühstück durchaus Humor hat, eher schwere Kost. Große Autoren sind alle drei.
Zurück zur Fotografie: Ryan McGinley kann man mögen, muss man aber nicht. Unbestreitbar ist, dass er kraftvolle Bilder für eine junge Generation gefunden hat.
Bei Leichtigkeit denke ich aber eher an Fotografen wie Olaf Unverzart, der mit seinen unspektakulären Sujets die Funktionsweisen von Bildern hinterfragt.
Wenn man digitale Plattformen wie Facebook oder Flickr betrachtet, so besteht hier die Leichtigkeit eher darin, dass sich Privates durch technologischen Wandel in den öffentlichen Raum begibt und sichtbar wird. Der digitale Amateur fotografiert alles, jederzeit und überschreitet in dieser Bilderflut Grenzen. Genauso wie es ein Künstler tut, wenn auch weniger bewusst.
Hier Vergleiche mit Hera Lind zu ziehen, heißt das Wesentliche zu übersehen.
Wenn wir über Humor sprechen, finde ich, dass zum Beispiel Tine Caspers Inszenierungen doch sehr trocken sind. Etwas mehr Augenzwinkern hätte hier vielleicht nicht geschadet. Und auch wenn die Grundidee von Dörte Haupts Arbeit eine gewisse Komik aufweist, findet sich diese in der fotografischen Umsetzung nicht wieder. Ist das Hintergründigkeit oder der Schwermut der Generation Praktikum?
Da gibt es andere junge Künstler, wie zum Beispiel Christina Maria Oswald, die mit absurder Komik schwere Themen leichtfüßig behandelt und der Betrachter auch mal laut lachen darf, ohne dabei die Kunst zu gefährden.
Eklektische Befindlichkeitsfotografie braucht niemand. Aber wenn man daraus folgert, dass der Fotograf sich aus den eigenen Bildern herauszuhalten hat, dann treibt man den Teufel mit dem Belzebub aus.
Besten Gruß, Peter F.
Andreas Herzau
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24 Jan 2012
Ahoi, zusammen !
Tja, mit der Leichtigkeit des Seins und der Fotografie ist das so eine Sache. Jung = frisch = leicht = überraschend – so die Gleichung die die Besprechung aufmacht. Das würde ich auch gerne in Frage stellen, da ich genau das die Stärke des Buches und der Arbeiten finde, dass diese nicht leicht sind und es sich auch nicht leicht machen.
Dass da jüngere Menschen als du und ich es erst meinen mit der Fotografie, das ist genau die Stärke, die dieses Projekt ausmacht: man verspürt das Ringen um das Bild. Das dies nun als besonders und in diesem Falle sogar nachteilig ausgelegt wird, zeigt eher wie weit weg wir von einer ersthaften Haltung und einem ersthaften Diskurs über Fotografie sind – die sich auch noch mit gesellschaftlich relevanten Themen auseinander setzt. Und Arbeit (in diesem Fall Fotografie) ist nie leicht, sondern ist ersthaft(e) Arbeit.
In diesem Sinne mit den besten Grüßen aus St.Pauli
Andreas
Jörg Brüggemann
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24 Jan 2012
Die Unerträgliche Leichtigkeit des Sein oder The Importance of Being Earnest…
Vielleicht hätten wir einfach nicht nur das “Darlings” sondern auch das “Junge” vor “Fotografie” durchstreichen sollen? So jung sind die meisten von uns ja eh nicht mehr – nur noch nicht ganz so lange als Fotografen aktiv. Vielleicht ist es aber auch auch eine falsche Erwartung, dass jung auch gleich leicht bedeuten muss? Manch einer findet die Leichtigkeit erst im hohen Alter, auch wenn er dann unerträglich wird. Aber von heute aus betrachtet ist das doch die schönere Perspektive, als die Leichtigkeit irgendwann zu verlieren und den Ernst zu wichtig zu nehmen.
Lieber Peter (trifft ja beide zu), nehmt mich bitte nicht allzu ernst. Ich mach es mir oft sehr leicht.
In diesem Sinne, liebe Grüsse an Jung und Alt aus Berlin.
PS: Dieses Mal hab ich mich bewusst für den ironischen Blick entschieden.
Ed
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29 Jan 2012
Herr Bialobrzeski,
ich denke das sie recht haben, denn Leichtigkeit ist grade ein Begriff der der Kunst fern gehalten werden soll. Leichtigkeit geht schnell über in Lapidarität oder Humor und nur im letzten Sinne ist Leichtigkeit tragbar (zum beispiel manche Elliot Erwit’s foto’s).
Grüsse, Ed
Martina
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29 Jan 2012
Das der Begriff Leichtigkeit der Kunst fern gehalten werden soll, ist der größte Quatsch, den ich je gelesen habe!
Wolfgang Zurborn
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30 Jan 2012
Vielen Dank für die Besprechung des Buches “Kill Your Darlings” mit Arbeiten der Studentinnen und Studenten von Peter Bialobrzeski.
Mir sind die fotografischen Positionen sehr vertraut, da ich im Rahmen meiner 4jährigen Lehrtätigkeit an der Hochschule für Künste in Bremen viele der vorgestellten Arbeiten mit betreut habe und versucht habe, meinen Beitrag zu einer Offenheit der Lehre zu leisten.
Mit dem Begriff der Leichtigkeit scheinst Du ja ein richtiges Reizwort in den Diskurs eingebracht zu haben. Schwere Geschütze werden dagegen aufgefahren, als ob Du ein Plädoyer für das Seichte, Oberflächliche und Beliebige gehalten hättest.
Der Leichtigkeit wird im Bereich der ernsthaften Auseinandersetzung mit einem zeitrelevanten Thema sogar jegliche Berechtigung genommen. Dabei ist diese doch im idealen Sinn bei jeglicher Kunstform, ob im Film, in der Literatur, im Theater und natürlich auch in der Fotografie der Ausdruck davon, dass der vorgestellte Weltentwurf als unverbrauchtes persönliches Statement jenseits aller akademischen Konventionen wahrgenommen werden kann. Das hat dann überhaupt nichts mit Befindlichkeitsfotografie zu tun.
Die Ernsthaftigkeit einer künstlerischen Arbeit zeigt sich nicht in der Wahl der Thematik sondern in der kompromisslosen Prüfung, inwieweit die ästhetischen Mittel tatsächlich den eigenen Intentionen entsprechen.
Gustave Flaubert hat oft tagelang an einem Satz gesessen, bis er ihn formal befriedigte, bis er eine solche “Leichtigkeit” beim Lesen entwickelte, dass er von der Vermittlung vordergründiger Botschaften befreit war. Sein Roman “Madame Bovary” war einer der wichtigsten Inspirationen für Walker Evans, seine ganz eigene Form einer dokumentarischen Fotografie zu entwickeln.
Das Verbindende in den beiden Arbeitsweisen liegt darin, ein sehr präzises Verständnis für die subjektive Konstruktion des Realen in ihrem Werk transparent zu machen. Das befreit ihren Blick auf den Alltag von jeglicher systematischen Strenge und Eindeutigkeit.
Wer, wenn nicht junge Fotografinnen und Fotografen, sollen die Radikalität aufbringen, traditionelle Bildvorstellungen zu brechen, um ihr Lebensgefühl, ihren Dialog mit der Alltagsrealität, mit neuen Sichten zu vermitteln. Dem gegenüber steht aber gerade in deutschen Hochschulen immer noch die pädagogische Haltung, die fotografischen Ansätze in ein klar definitives “Richtig” und “Falsch” einzuteilen.
Die studentischen Arbeiten in dem Buch “Kill Your Darlings” zeichnen sich aus durch eine durchgängig konsequente Erarbeitung von fotografischen Serien und bieten ein erstaunlich breites Spektrum von fotografischen Herangehensweisen zwischen Dokumentation und Inszenierung, zwischen Realismus und Abstraktion. Diese stilistische Vielfalt kann den Freiraum bieten, die Entwicklung einer eigenständigen Bildsprache weiter voranzutreiben.
Dabei sollten sich die StudentInnen aber nicht in das Korsett einer “Bremer Ersthaftigkeit” pressen lassen.
Martin Lehmann
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31 Jan 2012
Ich wurde zum ersten Mal durch einen Beitrag auf dem Blog “fotofeinkost” von Dr. Martina Mettner auf das “Kill your Darlings”-Projekt aufmerksam. Zwar besitze ich immer noch nicht das Buch und beziehe mich deshalb explizit auf die zum Projekt gehörende Website, möchte mich aber doch zu dieser Diskussion äußern.
Ich bin regelrecht dankbar für die Existenz dieses Projekts, hat es mir doch endlich wieder eine große Portion Hoffnung in die „junge deutsche“ Fotografie gegeben.
Da die Beschäftigung mit Fotografie ein wesentlicher Teil meines Berufs ist, bekomme ich viel zu sehen, auch sehr viel “junge” Fotografie. Allzu oft wird man aber enttäuscht von Arbeiten von Studierenden, die oft mehr Mühe in ihr Exposé als in ihre Bilder zu stecken scheinen. Das ist hier deutlich anders.
Hier werden gelungene Ergebnisse durchdachter und origineller Projekte präsentiert. Ich bin auch sehr froh, dass man den Arbeiten anmerkt, dass ihre Schöpfer sich ernst und intensiv mit dem Medium Fotografie und seinen Inhalten auseinandergesetzt haben. Gleichzeitig vermitteln mir die Arbeiten, aber auch den Spaß, den die Künstlerinnen und Künstler offenbar an ihren Arbeiten und diesem Gemeinschaftsprojekt haben/hatten, wodurch sie wieder auf mich unverkrampft wirken. Ich vermisse auch deshalb keine Leichtigkeit. Außerdem würde schon Anja Engelkes wunderbarer Beitrag alle Schwere aufwiegen, wenn dies andererseits überhaupt nötig wäre. Schließlich wohnt auch anderen Ideen, etwa denen von Tine Casper, Franziska v.d. Driesch oder Dörte Haupt sehr viel (mehr oder weniger subtiler) Humor inne, und sie besitzen einen ganz offensichtlichen, spielerischen Moment.
Dass all die Ideen aber anscheinend mit einer gewissen Ernsthaftigkeit und formalen Strenge umgesetzt wurden, begrüße ich sehr. Mein Bedarf an ironisierter fotografischer Kunst, die den Anschein erwecken will ,nicht mal selbst an sich zu glauben (um sich so auch jeder Kritik letztlich zu entziehen) ist gedeckt. Ebenso genug habe ich von der eitlen Selbstbespiegelung des (Möchtegern)Künstler-Ichs in den ewig gleichen Selbstporträtsaucen und auch von der, danke Peter Bialobrzeski, “eklektischen Befindlichkeitsfotografie”. Diese Arbeiten sind ein erfrischender Gegenakzent.
Mir ist, losgelöst von “kill your Dralings” auch nicht ganz klar, warum “junge” Fotografie per se “Leichtigkeit” versprechen und gar einhalten sollte oder “Aufmüpfigkeit”.
„Allerdings gehört die Leichtigkeit, die Fähigkeit zur Mühelosigkeit und Unbekümmertheit, aus meiner Sicht zur Jugend und damit auch zur jungen Fotografie dazu”, schreibt im Kommentarbereich der Rezensent. Reden wir doch lieber von zeitgenössischer Fotografie und fragen uns, ob nicht gerade ein Mangel an Leichtigkeit und Unbekümmertheit kennzeichend für die aktuelle junge Generation (wie auch immer man die jetzt wieder definitorisch greifen mag) ist, und dies sich eben auch (bewusst oder unbewusst) in der Fotografie spiegelt.
Für mich besteht übrigens die “Aufmüpfigkeit” dieser Arbeiten gerade darin, dass man ihnen Ernsthaftigkeit und formelles Bewusstsein anmerkt. Das hebt sie ab, von all jenen die sich krampfhaft um beliebig/zufällig/schnappschussartig wirkende Bilder bemühen. Der Mythos des Schnappschusses, des Zufalls als gestalterischem Mittel des „decisive Moments“ ist auf die Dauer einfach ermüdend und auch ausgelutscht. Diese Arbeiten haben tatsächlich eine Position, die deutlich wird und basieren auf Konzepten, deren Inhalt auch tatsächlich durch die Fotografien transportiert und transparent wird. Ich habe schon lange keine solche „Anhäufung“ an solch überzeugender „junger“ künstlerischer Fotografie gesehen. Chapeau!
(Auch herzlichen Glückwunsch zur Nominierung zum dt. Fotobuch.Preis 2012 und Glückwünsche an Peter Bialobrzeski zum verdienten Erich-Salomon-Preis!)
thomas
via Website
31 Jan 2012
interessante diskussion!
was ich an der stelle auch nochmal gerne ergänzend diskutieren würde:
was ist das für ein stil, fotoarbeiten den “studiert bei…” und “kuratiert bei…” stempel aufzudrücken?
so wie ich es gehört habe, hat ruff es während seiner lehrtätigkeit an der kunstakademie düsseldorf seinen studenten verboten, sich ruff-schüler zu nennen, was ich auch irgendwie sympathisch finde,
sympathischer wäre es mir hier auch, wenn das “entdeckt von” etwas kleiner erwähnt wäre..