Michael Kominek, geboren 1971 in Polen, ist Fotograf und Galerist. Er war Mitgründer und Herausgeber der spanischen Zeitschrift SCOPE und betreibt seit 2007 die Kominek Gallery in Berlin.
Peter F: (PF): Michael, wie kam es dazu, dass du 2007 in Berlin die Fotobuch Galerie Kominek gegründet hast? Und woher kam die Idee, die verschiedenen Elemente von Verlag, Buchhandel und Galerie zu mischen?
Michael Kominek (MK): Die Grundidee war es, einen spezialisierten Ort zu schaffen, der die besten Fotobücher vorstellt und Ausstellungen über diese zeigt, sowohl über neue Bücher aber auch Klassiker. Mein absoluter Traum ist es jedoch, Bücher auch zu verlegen und sei es in kleinsten Auflagen.
Ich bin professioneller Fotograf, Typographie-Fan und Fotobuchfreak in Personalunion. Ich hatte viel mit Verlagen und Zeitschriften zu tun und habe dabei die Erfahrung gemacht, dass oft die Fotografen selbst wissen, wie ihr Foto im Layout gesetzt werden soll und wie es am besten beschnitten werden kann. Deswegen begrüße ich Buchprojekte von Fotografen, die alles selbst machen wollen und nicht einmal die Papierauswahl aus der Hand geben würden.
Aber natürlich hat es auch Vorteile, im Team an einem Buch zu arbeiten und es gibt natürlich auch geniale Buchgestalter, wie zum Beispiel Claudia Ott aus Düsseldorf.
Ich habe 15 Jahre in Spanien gelebt und dort auch als Fotograf gearbeitet, im Jahr 2000 habe ich die Zeitschrift SCOPE mitgegründet. Darin ging es vor allem um Kino, aber auch um die damals aufkommenden Möglichkeiten, mit wenig Budget und Equipment einen Film zu machen oder eben auch ein Fotobuch.
Mir ging es immer schon um Unabhängigkeit, aber vor allem auch um Spaß an der Sache. Ich wollte mehr über Fotobücher und den Kunstmarkt lernen. Bis dahin hatte ich um Galerien, vor allem um Fotogalerien, einen Bogen gemacht. Dort ging es oft mehr um das Geschäft, weniger um die Fotografie. Deswegen wollte ich eine Galerie gründen, die anders ist, eine die die Fotografie in den Mittelpunkt stellt.
PF: Welche Bedeutung hat das Fotobuch als Präsentationsform für Fotografie? Was kann das Fotobuch leisten, was der Print an der Wand nicht kann?
MK: Das Fotobuch kann erzählerischer sein, eindringlicher und persönlicher als der Print. Wenn man sich ein Fotobuch kauft und mit nachhause nimmt, dann kann man sich viel eher eine persönliche und eigene Meinung zu dem jeweiligen Thema bilden als nach einem Ausstellungsbesuch. Außerdem kann das Buch aus Typographie, Papier, Gestaltung und den Bildern ein eigenes Gesamtkunstwerk bilden.
PF: Der thematische Schwerpunkt der Galerie liegt auf Dokumentarfotografie aus den ost- und nordeuropäischen Ländern. Wieso dieser spezielle Schwerpunkt? Hast du eine besondere Affinität zur Fotografie aus diesen Ländern?
MK: Ich war schon immer der Meinung, dass die Osteuropäer die besseren Fotografen sind.
Danach kommen gleich die Skandinavier. Es mag daran liegen, dass die slawische Seele immer schon in einem halb wachen und halb träumenden Zustand schwebt. Das schafft einen anderen Ausgangspunkt und man sieht und fotografiert einfach anders.
Bei den Skandinaviern, zumindest den Finnen, habe ich ähnliche Erfahrungen gemacht. Dazu kommt noch, geografisch bedingt, das besondere Licht.
Die Dokumentarfotografie bietet einen Vorwand, die Welt zu erkunden. Dokumentarisch ist für mich aber auch ein sehr offener Begriff, deshalb hat es auch was mit Freiheit zu tun.
PF: Du hast renommierte Fotografen wie Simon Roberts und Joakim Eskildsen im Programm, förderst aber auch junge Talente. Wie kommt die Zusammenarbeit mit Künstlern jeweils zustande? Sprichst Du Künstler eher gezielt an oder wirst Du auch selbst von Fotografen auf Projekte angesprochen?
MK: Am Anfang habe ich gezielt Leute angesprochen deren Arbeiten ich bewundere. Es ging mir vor allem um einen besonderen Stil, eine besondere Richtung in der Fotografie. Natürlich ist das eine sehr subjektive Herangehensweise, aber mir macht es Freude mit Leuten zusammen zu arbeiten, deren Bilder ich mir selbst an die Wand hängen würde. Ich hoffe immer, auch andere Leute für diese Arbeiten begeistern zu können.
Ich bin aber als Galerist immer noch im Aufbau, deswegen kam man noch nicht von echter Talentförderung sprechen. Aber ich bin zumindest sehr offen für junge Talente.
Aber wichtig sind der Spaß an der Sache und der Austausch der Leute untereinander. Deswegen möchte ich mich auch bei allen Fotografen, die bisher an dem Projekt beteiligt waren, herzlich bedanken. Ohne Ihre Zustimmung und Unterstützung wäre die Kominek Gallery gar nicht erst möglich gewesen.
Die Idee vom Kominek ist es, Bücher zu verlegen oder auszustellen, die mich begeistern und etwas außerhalb des gängigen Musters der Fotoszene stehen. Es gibt eine lange Liste von Fotografen, die ich bewundere und mit denen ich in Zukunft hoffentlich Projekte realisieren kann. Aber ich bin natürlich auch offen für andere Künstler, die auf meiner Linie liegen.
Demnächst erscheint das erste Fotobuch von Kominek Books, es heißt “Far East / Far West” von Greg Girard, einem kanadischen Fotografen der seit den 80ern in Asien lebt. Ich stelle das Buch im Mai beim Kasseler Fotobuch Festival vor.
PF: Unter dem Einfluss der Wirtschaftskrise verzeichnen Auktionen und Galerien zum Teil starke Umsatzrückgänge. Spürst Du die Krise ebenso deutlich oder bildet der Fotobuchmarkt eine Nische, die davon weniger berührt wird?
MK: Der Fotobuchmarkt ist wohl eine sehr kleine Nische im Kunst- und Verlagsmarkt und spricht nur ein spezielles Publikum an. Bücher wie “Die Romareisen” von Joakim Eskildsen und Cia Rinne sind dabei vielleicht eine der wenigen Ausnahmen, die ein größeres Publikum erreichen.
Zur Wirtschaftskrise kann ich nicht so viel sagen. Ich glaube aber, dass das Interesse für Fotobücher insgesamt zunimmt und sich der Fotobuchmarkt langfristig positiv entwickeln wird. Wenn ich allerdings höre, wie sich die etablierten Fotobuchverlage die Bücher von Fotografen selbst vorfinanzieren lassen, dann denke ich, dass vor allem die Verleger eine Nische gefunden haben.
PF: Insgesamt hat man den Eindruck, dass das Interesse am Fotobuch als Kunstform weiter zunimmt. In Kassel startet im Mai 2010 das dritte Fotobuchfestival und im Juni 2010 folgen die ersten Fotobuchtage in Hamburg. Da stellt sich schon die Frage, ob zwei Veranstaltungen zum gleichen Thema in so dichter Folge Sinn machen. Wie bewertest Du diese Entwicklung?
MK: Prinzipiell kann ich nur sagen, dass ich es sehr begrüße, wenn es zunehmend spezialisierte Veranstaltungen zum Thema Fotobuch gibt. Bis jetzt weiß ich aber nicht so viel vom Hamburger Programm. Ich nehme bereits zum zweiten Mal am Kasseler Fotobuch Festival teil.
Es gibt wohl Befürchtungen, dass sich die Themen In Hamburg und Kassel zum Teil deutlich überschneiden. Aber ich glaube, dass neue Festivals immer Zeit brauchen um ein eigenständiges Profil zu entwickeln. Also mal schauen. Ich freue mich auf beide Festivals als Besucher und als Teilnehmer.
PF: Du bist auch als Reviewer unterwegs. Zum Beispiel bei den Portfolio-Reviews von f-stop Leipzig. Wie sind Deine Erfahrungen mit diesen Reviews? Welchen Rat würdest Du einem Fotografen geben, der sich zu einem Portfolio-Review anmeldet?
MK: Portfolio-Reviewer zu sein macht natürlich viel Spaß. Es ist immer toll neue, unbekannte Arbeiten zu entdecken. Trotzdem kann es eine stressige Angelegenheit werden, wenn man in so kurzer Zeit so viele Arbeiten intensiv anschaut und bespricht.
Ich rate dazu, sich im Vorfeld gründlich über die Reviewer und ihre Vorlieben zu informieren. Man sollte sich genau überlegen, was man von den Reviews erwartet. Kontakte, eine Publikation, eine Ausstellung oder eine Meinung zu einem konkreten Punkt der eigenen Arbeit und den Reviewer auch direkt auf dieses Anliegen ansprechen.
Porfolio-Reviews sind sehr gute Kontaktbörsen zwischen Fotografen, Verlegern, Kuratoren und anderen in der Fotowelt. Aber in so kurzer Zeit ein wirklich differenziertes Feedback zur eigenen Arbeit zu bekommen ist vielleicht auch Glückssache. Ich glaube, es geht eher um einen ersten Eindruck und die Kontakte, die daraus entstehen.
PF: Die digitale Fotografie und die digitalen Medien verändern die Fotografie in vielen Bereichen. Microstocks, Flickr und User Generated Content, um nur einige Schlagworte zu nennen, gehören inzwischen zum Alltag. Inwieweit beeinflussen diese Veränderungen die zeitgenössische Fotografie? Welche aktuellen Trends siehst Du in der zeitgenössischen Fotografie?
MK: Zu Flickr fallen mir die Bücher von Joachim Schmid ein. Ein gutes Beispiel, was man aus den unglaublichen Bildmengen im Netz machen kann. Die Digitalfotografie hat ihre Vorzüge, ist aber nicht unbedingt besser. Sie gibt der Fotografie einfach andere Möglichkeiten.
Zum ersten Mal dachte ich bei den Estland-Bildern von Donovan Wylie über den digitalen Unterschied nach. Nicht wegen der Qualität, sondern wegen der Herangehensweise. Diese Bilder hätte Wylie so niemals analog fotografieren können. Er hat sehr viele Bilder geschossen, die dann im Nachhinein perfekt editiert wurden. Diese Serie entstand also eher beim Editieren als beim Fotografieren. Bildredakteur ist also ein Beruf mit großer Zukunft in der digitalen Welt!
In der Fine Art Fotografie gilt digitale Fotografie als minderwertig. Ich finde das nicht und warte auf den Moment, wo die Unterschiede zwischen analog und digital ganz verschwimmen und es wieder nur um das Bild geht.
Das besondere an den analogen Kameras ist ja, dass sie ihre eigenen Merkmale haben. Sogar Fehler, mit denen man lernen muss umzugehen. Digital ist dagegen fast zu perfekt. Ich fotografiere digital am liebsten mit russischen Analogobjektiven.
PF: Michael, Du hast ja selbst Fotografie studiert. Bleibt neben der Galerie noch Zeit für die eigene kreative Arbeit? Und wenn ja, wie sieht die aus?
MK: Ich fotografiere fleißig weiter an meinen Projekten. Vor allem bin ich aber dabei mein Archiv aufzuarbeiten. Demnächst kommt endlich mein erstes Buch im Eigenverlag heraus. Es sind frühere Arbeiten von 1996 mit dem Titel “First Journey”. Eine leicht surreale Reise durch Polen.
PF: Vielen Dank für das Interview.
