Kirill Golovchenko untersucht in seiner Arbeit die Veränderungen in der Ukraine nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion. Sein Projekt “7km/Feld der Wunder” erschien kürzlich als Buch bei Snoek. Hier spricht er über sein aktuelles Projekt “Der ukrainische Durchbruch”.
Kirill Golovchenko, geboren 1978 in Odessa/Ukraine, studierte Kommunikationsdesign an der Hochschule Darmstadt. Er lebt und arbeitet in Mainz.

Peter F. (PF): Kirill, wie schon in der Serie “7KM | Feld der Wunder” beschäftigst Du Dich in Deiner neuen Arbeit “Der ukrainische Durchbruch” mit dem gesellschaftlichen Umbruch in der Ukraine nach dem Zerfall der Sowjetunion. Was fasziniert dich an der Situation in der Ukraine?
Kirill Golovchenko (KG): Die Ukraine durchlebt wie viele andere osteuropäische Länder große Veränderungen. Da wir lange Zeit den Kommunismus angestrebt haben, haben wir uns gesellschaftlich und wirtschaftlich wenig entwickelt. Unter dem sowjetischen System konnten wir unser Potenzial nicht frei entfalten.
Da ich in Deutschland Fotografie studiert habe und seit zwölf Jahren hier lebe, ist meine eigene Sichtweise eher westeuropäisch geprägt. Ich habe sozusagen eine Seite, die das sowjetisches System und dessen Untergang erlebt hat. Und eine andere, die sich hier im Westen entwickelt hat. Es ist genau dieser innere Bruch, der mich dazu treibt mein Land in dieser schwierigen Phase zu erfahren und zu erkunden. Das, was dort gerade geschieht, verändert sich sehr schnell. Ich möchte einfach daran teilhaben.

PF: Du lebst in Mainz und Odessa und kennst somit die Situation in Ost und West. Inwieweit verändert dies Deinen Blick auf die Ukraine?
KG: Vor vielen Jahren wollte ich der Ukraine nur noch entfliehen. Ich dachte, dass ich in diesem kaputten Land nichts mehr verloren hätte. Aber heute sehe ich alles aus einem anderen Blickwinkel. Es ist so als wäre ich mit einer Zeitmaschine in die Zukunft gereist und kehrte nun mit einer veränderten Wahrnehmung zurück.
Immer wenn ich jetzt in der Ukraine bin, fallen mir dort Dinge auf, die anders sind als in Deutschland oder die sich seit damals verändert haben.
Meine Arbeit entsteht aus diesem Widerstreit der Einflüsse von Ost und West. Meiner Vergangenheit in der Ukraine, mein Leben im Westen und die Verbindung von Beidem. Ich bin heute toleranter als früher. Ich weiß jetzt, dass bestimmte Veränderungen einfach Zeit brauchen.

PF: In “Der ukrainische Durchbruch” betonen nur wenige Bilder einseitig die grotesken Auswüchse des freien Marktes. War es für Dich nicht verführerisch, das satirische Element in der Serie noch mehr zu betonen?
KG: “Der Ukrainische Durchbruch” basiert, im Gegensatz zu dem “7km” auf Einzelbildern, die zusammen ein Mosaik, ein Gesamtbild ergeben sollen. Jedes Bild hat dabei seine eigene Geschichte.
Natürlich ist Satire ist verführerisch. Sie ist spektakulärer, aber auch simpler. Mein Blick auf die Ukraine ist sicherlich ironisch und kritisiert die Bedingungen, zeigt aber auch Verständnis für die Lage der Menschen dort. Ich möchte die Bedingungen beschreiben, die ich vorfinde, aber auch meine emotionale Reaktion darauf.

PF: Viele der Bilder zeigen die Unsicherheit der Menschen, wie sie mit den neuen Überfluss umgehen sollen oder ob sie überhaupt daran teilhaben werden. Ist der Konsum wirklich so wichtig geworden?
KG: Mir ist bewusst, dass ich in diesen Bildern nur ein bestimmtes Bild der Ukraine zeige. Ich glaube, dass es nach 70 Jahren Sozialismus vielen Menschen wirklich darum geht, sich am Konsum satt zu essen. Die demokratische Revolution hat vor allem einen Machtwechsel gebracht. Für viele Menschen ändert sich dadurch aber nur sehr wenig.
PF: Nach der Öffnung des Ostblocks gibt es jetzt viele junge Fotografen in Osteuropa, die ihre Situation dort reflektieren. Wie sieht es mit der Fotografieszene in der Ukraine aus? Und wie werden Deine Arbeiten in der Ukraine wahrgenommen?
KG: Die Fotografieszene in der Ukraine entwickelt sich leider nur sehr langsam. Die Ausbildungssituation für Fotografen ist immer noch schlecht und es gibt kaum Möglichkeiten Fotografie zu studieren.
Meine eigenen Arbeiten werden in der Ukraine vorwiegend von mir bekannten Künstlern rezipiert. Andere verstehen oft nicht, worauf meine Arbeit abzielt, fühlen sich vielleicht sogar angegriffen. Aber ich glaube daran, dass meine Arbeit wichtig ist und ich habe Geduld.
PF: Vielen Dank für das Interview.

