Ofer Wolbergers aktuelle Serie “Life with Maggie” setzt sich in inszenierten Bildern mit Fragen der Identität auseinander. Die Bilder der Serie sind noch bis zum 06. Dezember 2009 im C/O Berlin im Rahmen der Talents-Reihe zu sehen.
Ofer Wolberger, geboren 1976, erhielt seinen MFA in Fotografie an der School of Visual Arts in New York City. Er lebt und arbeitet in New York.

Peter F. (PF): Ofer, du hast nicht nur Fotografie sondern auch Kunst und Film studiert. Was gab den Ausschlag, dass du dich der Fotografie zugewandt hast?
Ofer Wolberger (OW): Es war in erster Linie der Film, der mich an die Fotografie herangeführt hat. Ich war schon immer Cineast. An der Universität studierte ich dann sowohl die Geschichte des Avantgardefilms als auch die des Erzählkinos und war geradezu von Film besessen – ein echter Kinojunkie. Zu dieser Zeit nahm ich an meiner ersten Fotoklasse teil.
Als ich begriff, dass Fotografie ein wichtiger Bestandteil des Films ist, war ich neugierig und wollte die Grundlagen des Standbildes verstehen. Ich bin aber immer noch filmverrückt und hoffe, das eines Tages wieder aufgreifen zu können.
PF: Ein großer Teil der Faszination deines Projektes ‘Life with Maggie’ entsteht durch die Ausdruckskraft der verwendeten Maske. In dem darin enthaltenen Spiel mit Identität sehe ich einen deutlichen Bezug zu deinen früheren Kollagearbeiten “Collage Portraits” und “Crumpled Paper”. Was brachte dich auf die Idee eine Maske für deine Fotografie zu verwenden?
OW: Die Maske war etwas, das sich einfach so ergeben hat (genauso wie ‘Crumpled Paper’ zunächst spielerisch entstand). Es war nie geplant. Aber als ich realisierte was da passiert, war sofort mein Interesse geweckt. Das ist meine übliche Arbeitsweise: Ich entdecke etwas durch experimentieren oder herumspielen und dann versuche ich das Gefundene zu verstehen und weiter zu entwickeln.
Nachdem ich einige gelungene Aufnahmen von Maggie gemacht hatte, war mir klar, dass ich das weiterführen wollte. Aber erst durch die intensive Arbeit an diesem Projekt, wurden mir die Bezüge zu meinen frühen Arbeiten bewusst. Die Auseinandersetzung mit Schönheitsidealen und Identität. Für mich existiert die Maske nicht mehr als etwas Abgetrenntes. Ich beachte sie gar nicht mehr. Ich denke nur noch an Maggie und daran wie sie aussieht.
PF: Ich frage mich, warum es keine bedrohlichen Bilder in ‘Life with Maggie’ gibt. Die allermeisten Bilder wirken zurückhaltend und freundlich. Inwieweit ist dies Absicht? Gab während der Entwicklung des Projektes eine größere Gefühlspalette?
OW: Ich denke, es gibt schon einen recht großen Umfang von Gefühlen in ‘Life with Maggie’. Aber diese Stimmungen entstehen durch die Landschaften und die Inszenierung, nicht so sehr durch Maggie selbst, deren Ausdruck sich ja nicht wirklich ändert. Aber wenn man genau hinsieht gibt es Veränderungen durch das Licht, die Farben ihrer Kleidung, der Umgebung und natürlich durch ihre Gesten und Körpersprache.
In der Hauptsache ist es meine Absicht Maggie zu zeigen, wie sie ist oder wie ich sie sehe, freundlich aber irgendwie auch traurig.
PF: Die Serie ‘Life with Maggie’ ist noch nicht beendet. Wohin geht die Reise als nächstes? Hast du bereits eine Vorstellung was es braucht, um die Serie fertig zu stellen?
OW: Ich weiß nicht, ob das Projekt jemals fertig sein wird. So wie ich das sehe, könnte die Serie endlos sein und immer weitergehen. Ich weiß nicht wohin Maggie als nächstes gehen wird, aber ich bin sicher, sie wird wieder reisen. Ich bin sehr gespannt, ob und wie sie altern wird und wie sie sich mit der Zeit verändert.
Mir gefällt die Vorstellung, Maggie für die nächsten fünfzig Jahre weiter zu fotografieren.
PF: Du bist durch Frankreich gereist und hattest Einzelausstellungen in London und Berlin. Ich könnte mit vorstellen, dass du einen besonderen Bezug zu Europa hast. Kannst du uns etwas darüber sagen?
OW: Die Verbindung zu Europa und besonders zu Frankreich besteht in meiner Frau, die Französin ist. Wir lebten für eine Weile getrennt und pendelten ständig zwischen Amerika und Frankreich.
In gewisser Hinsicht ist das Projekt aus dieser Situation heraus entstanden und meine Frau übernimmt in allen Fotografien die Rolle der Maggie. Eigentlich war Maggie einfach ein Anlass, um zu reisen und die Dinge mit einem frischen Blick zu sehen. Ich hatte das Bedürfnis eine ganz andere Landschaft kennen zu lernen als meine Eigene und mit ihr in Verbindung zu treten.
PF: Auch in deinen Auftragsarbeiten wird Deine Handschrift sehr deutlich sichtbar. Wie findest du das Gleichgewicht zwischen freien Projekten und der kommerziellen Arbeit? Beeinflussen sich diese in irgendeiner Weise?
OW: Heute finde ich es viel leichter neben meinen freien Projekten eine Balance zu den Auftragsarbeiten zu halten, aber das war nicht immer der Fall.
Ich habe herausgefunden, dass ich nicht beides gleichzeitig tun kann. Ich muss den Freiraum schaffen, mich jeweils auf das Eine oder Andere zu konzentrieren. Und sicherlich gibt es auch Einflüsse zwischen beidem, da ich normalerweise immer mit meiner ganz persönlichen Sichtweise an die Dinge herangehe.
PF: Wenn ich Deine Arbeiten anschaue, fällt mir auf, dass sehr oft eine Art Fehlstelle durchschimmert. Befremdet dich das Aussehen unserer Welt? Was treibt Dich an? Bist Du dir bewusst, was dich den Auslöser drücken lässt?
OW: Ich kann nicht sagen, dass mich das Aussehen der Welt befremdet. Aber ich bewundere was ich sehe und finde. In erster Linie fühle ich mich angezogen von Merkwürdigkeiten und Dingen, die ein wenig abseitig sind und natürlich von Schönheit. Aber was immer es ist, ich versuche es gut aussehen zu lassen, sogar dann, wenn mein Blick auf etwas fällt, dass furchtbar hässlich ist. Ich kann nicht anders.
Mir gefällt es, mich selbst als Pessimist/Optimist zu sehen. Ich sehe das Schlechte und Düstere, aber dann sehe ich die angenehme Seite und hoffe dass es aufwärts geht.
PF: Du bist Mitglied bei POC Nordamerika. Was ist die Geschichte hinter diesem neuen Ableger des Europäischen Fotografennetzwerks Piece Of Cake, das von Charles Fréger gegründet wurde? Welche Vorteile hat es für dich, dort mit dabei zu sein?
OW: Piece of Cake Nordamerika hat wirklich gerade erst die ersten Schritte getan. Charles hatte die Idee, in Nordamerika einen Ableger des Netzwerks zu gründen. Er kontaktierte Cara Phillips in New York und bat sie um Hilfe, um die Dinge ins Rollen zu bringen.
Als einer von vielen wurde ich gefragt, ob ich micht nicht bewerben möchte und hatte das Glück direkt genommen zu werden. Im Oktober hatten wir unseren ersten Workshop und es war eine bereichernde Erfahrung.
Wie sind jetzt 15 Fotografen aus den USA and Kanada. Jeder ist anders und bringt sich und seine Ideen in die Gruppe ein. Es ist toll, mit so vielen talentierten Kollegen vernetzt zu sein und ich freue mich auf die Dinge, die wir in Zukunft gemeinsam bewerkstelligen können.
PF: Ofer, seit 2007 betreibst du dein eigenes Weblog ‘Horses Think‘. Was denkst du über Fotografie-Blogs als Plattform für den Meinungsaustausch? Was können oder sollten solche Blogs erreichen?
OW: Ich denke, dass Fotografieblogs gegen Ende letzten Jahres ihren Sättigungspunkt erreicht haben und viele Leute haben begonnen, das grundsätzliche Konzept des Bloggens in Frage zu stellen.
Aber für mich ist es eine wichtige Plattform gewesen, um Ideen und Inspirationen zu teilen, laut zu denken und mich im Schreiben zu üben. Ich glaube nicht, dass jeder Künstler einen Blog haben sollte, weil es viel mehr Arbeit ist als man denken würde, zumindest wenn man es vernünftig macht und für die Besucher interessant gestaltet.
Ich schreibe nicht jeden Tag. Ich blogge nur, wenn ich will. Das ist für mich das Entscheidende, denn so spüre ich keinerlei Druck. Ich schreibe auch nur, wenn mich etwas wirklich interessiert. Aber ich bleibe dran. Mal sehen, wie sich die Dinge entwickeln.
PF: Vielen Dank für das Interview.
