27 Mai 2009

Ein Interview mit Stefan Heyne: Die Wirklichkeit der Fotografie

Geschrieben von (PF) um 7:00 Uhr

Was man nur flüchtig im Augenwinkel sieht, das bleibt stets im Unscharfen verborgen. Wenn man den Blick darauf richtet, stellt das Auge automatisch scharf und die Wahrnehmung verändert sich. Stefan Heyne, Bühnenbildner und Fotograf, stellt dieses Flüchtige in den Mittelpunkt, verzichtet aber darauf die Schärfe nachzuführen und macht so sichtbar, was wir sonst immer nur beinahe sehen.

Stefan Heyne, geboren 1965 in Brandenburg, studierte Szenografie an der Kunsthochschule Berlin bei Prof. Volker Pfüller. Er lebt und arbeitet in Berlin.

Vom 30. Mai bis zum 11. Juli 2009 ist Stefan Heynes Einzelausstellung “Blind Spot” bei Kaune, Sudendorf in Köln zu sehen. Die Eröffnung ist am 29. Mai 2009 um 19:00 Uhr. Seine aktuelle Einzelausstellung “The Noise” in der Kunsthalle Brandenburg / Havel läuft noch bis zum 13. Juli 2009.

Peter F. (PF): Stefan, du hast ja eigentlich Bühnenbild studiert. Wann hast du die Fotografie für dich entdeckt und wie kam es, dass die Fotografie für dich ein zentrales Ausdrucksmittel wurde?

Stefan Heyne (SH): Der Übergang vom Bühnenbild zur Fotografie war fließend; anfänglich habe ich meine Bühnenbilder fotografiert aber dabei gemerkt, wie schlecht sich so was mit den Mitteln der Fotografie abbilden lässt, wie subjektiv und ungeeignet die Fotografie für dokumentarische Zwecke ist. Dadurch ausgelöst, hat mich immer mehr interessiert, was die Fotografie im Eigentlichen ausmacht. So entstanden ab 2002 erste intensivere fotografische Arbeitsphasen, bei denen ich gemerkt habe, dass die Fotografie gegenüber dem Bühnenbild das besser geeignete Mittel ist, um wesentliche Bilder zu machen und die Fragen um die es mir geht, stellen zu können.

PF: Ich glaube, niemand wacht morgens auf und denkt, heute fotografiere ich mal ein unscharfes Bücherregal. Kannst du etwas dazu sagen, wie du die Unschärfe für deine künstlerische Arbeit entdeckt hast?

SH: Denken ist nicht zwingend eine Voraussetzung für gute Kunst. Ich habe ja relativ schnell gemerkt, dass mich die Fotografie nicht als Mittel interessiert um eine Idee oder was auch immer abzubilden, sondern dass mich vielmehr interessiert, wie sie, die Fotografie, an und für sich funktioniert. Ich habe nach einer Radikalisierung der Fotografie gesucht und mich gefragt, wie das Sehen abläuft, wie dafür die Grundlagen sind; bei mir und in der Gesellschaft. Woher kommt der Trieb immer wieder etwas erkennen zu wollen? Und was ist die gesellschaftliche Funktion dessen? Darum geht es mir in meinen Bildern – Unschärfe ist dabei ein Mittel.

PF: In vielen Bildern betont die Farbe schwarz die Ungewissheit der Unschärfe und schafft einen rätselhaften, fast bedrohlichen Raum. Deinem Katalog “The Noise” ist das Gagarin-Zitat “Dunkel ist der Weltraum, Genossen, sehr dunkel.” vorangestellt. Welche Bedeutung hat für dich die Farbe schwarz und wie setzt du sie in deinen Bildern ein?

SH: Die Fotografie hat doch gesellschaftlich eine große Tradition im Sinne der Aufklärung. Das erhellende Bild, das Licht ins Dunkel bringt; der Weg aus der Finsternis der Ungewissheit in die Klarheit der Erkenntnis; mit den eigenen Augen durch die Mittel der Fotografie stellvertretend für alle gesehen. Die Fotografie schien dabei das prädestinierte Medium optisch und damit natürlich auch gesellschaftlich relevant zu dokumentieren und manifestieren. Das halte ich für ein großes aber auch spannendes Missverständnis. Es gibt nichts zu erkennen! Daher würde ich es eher umkehren, die Grundlage für Fotografie ist nicht Licht sondern Dunkelheit – Fotografien erhellen nicht, sie bringen keine Klarheit. Die Anforderungen und Erwartungen, die stillschweigend gemäß des gesellschaftlichen common sense’s an die Fotografie gestellt werden, können durch sie schlicht nicht erfüllt werden – das liegt in der Natur der Sache. Gefährlich ist daran allerdings, dass Fotografien vermeintlich dokumentieren und somit sehr wohl manifestieren.

PF: Bei aller Unbestimmtheit haben viele deiner Fotografien einen Bezug zur Realität, was durch Bildtitel wie “Kopfstütze” oder “Beleuchtung” hervorgehoben wird. Suchst du eher Entsprechungen für abstrakt entwickelte Ideen oder sind es zufällige Fundstücke, die dich zu Deinen Bildern führen?

SH: Die Unbestimmtheit ist doch ein grundlegender Bestandteil der Realität, ein Grundzug unserer Wirklichkeit. Das Ungewisse, Unscharfe ist aus meiner Sicht nicht etwas Nachgeordnetes zu etwas Vorrangigem, das vielleicht scharf und klar umrissen erscheinen mag, da es unseren Sehgewohnheiten entspricht. Die Wahrnehmung der Realität als etwas klar Umrissenes mag dabei durchaus funktional sein und dem menschlichen Bedürfnis zur Reduktion von Unsicherheit und Komplexität geschuldet sein, der Blick ist aber dennoch trügerisch. Z.B. ist doch das was jetzt in der Weltwirtschaft passiert im wesentlichen eine Krise des Sehens, die alten Sehgewohnheiten scheinen nicht mehr zu stimmen, es entsteht ein neues, noch unkonturiertes Bild von dem, was man glaubte so gut zu kennen und verlässlich gesetzt zu haben.

PF: Arbeitest du bei der eigentlichen Aufnahme eher vor Ort oder bevorzugst du die Arbeit im Studio? Wie viel Raum bleibt für den Zufall im fertigen Bild?

SH: Alle Aufnahmen entstehen unterwegs, da wo ich gerade bin. Und dennoch bleibt für den Zufall kein Raum. Generell kann ich mit der Trennung zwischen Zufall und Gewolltem für das Schaffen von Kunst wenig anfangen. Es geht vielleicht eher darum, das Unbewusste bewusst, das Unsichtbare sichtbar zu machen. Und das muss innerhalb der vier Ecken, die ein Bild hat, passieren – mit den Mitteln der Fotografie. Das erklärt auch warum ich auf manches Bild ein halbes Jahr warte ohne etwas bewusst zu tun und letztlich nur eine sehr begrenzte Anzahl von Bildern entsteht.

PF: Auffällig ist, dass fast alle Aufnahmen auf Technisches oder künstlich geschaffene Räume verweisen (”Turbine”, “Telefon” oder “Kantine”). Woher diese Faszination für das Technische oder Künstliche? Wieso bleibt die Natur nahezu ausgespart?

SH: Ich fotografiere ja nicht Gegenstände, sie sind bestenfalls Anlass, sondern viel mehr das Verschwinden oder Auftauchen aus dem Dunkel. Das faszinierende ist die Fotografie selbst, um die Motive geht es nicht.

PF: Durch das Arbeiten mit Unschärfe, bietest du dem Betrachter mehr noch als sonst in der Fotografie eine Projektionsfläche für eigene Vorstellungen. Gab es Reaktionen oder Interpretationen, mit denen du so nicht gerechnet hättest, die dich überrascht haben?

SH: Ich rechne mit allem.

PF: Viele deiner Arbeiten tragen kurze, fast lakonische Titel, die scheinbar auf den realen Gegenstand verweisen (”Kiel”, “Matte”) oder sich ihm ganz entziehen (”6960″, “DT”). Die gezeigten Objekte oder Räume lassen sich aber letztlich nie zweifelsfrei identifizieren. Woher kommt diese große Skepsis am Bild, an dem was wirklich gezeigt werden kann?

SH: Die Bildtitel spielen für mich nur eine beiläufige Rolle – schließlich muss ich sie ja auseinander halten können. Was den zweiten Teil Deiner Frage betrifft: Ich kenne keine Skepsis am Bild, es ist vielmehr ein grundlegendes Vertrauen in das, was gezeigt werden kann: die Fotografie und ihre Mittel, die suggestive Kraft von Bildern. Ich zeige nichts anderes als die Wirklichkeit der Fotografie.

PF: Vielen Dank für das Interview.

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