28 Mär 2007

Bildrechte und Straßenfotografie

Geschrieben von (PF) um 9:00 Uhr

Das Thema “Bildrechte und Straßenfotografie” scheint ähnlich wie das Thema “Krebs und Handystrahlen” in regelmäßigen Abständen immer wieder in den Medien aufzutauchen.
Aber anders als bei den Handys, handelt es sich bei der Straßenfotografie wohl um ein reales Problem.

Vor einiger Zeit bin ich durch einen Artikel in der PHOTONEWS 02/07 wieder auf das Thema Straßenfotografie und Recht aufmerksam geworden.

Laut PHOTONEWS wurde der Fotograf Andreas Herzau auf eine Entschädigung von 5000 EUR verklagt, weil in seinem aktuellen Fotoband “Deutsch Land” ein auf der Straße aufgenommenes Bild einer Person ohne deren Einwilligung veröffentlicht wurde.
Die Parteien einigten sich außergerichtlich und Herzau, bzw. sein Verlag, musste 1000 EUR Entschädigung und 600 EUR Anwaltskosten an die Gegenpartei bezahlen.

Fakt ist, dass sich in Deutschland und vielen anderen Ländern die Straßenfotografie in einer rechtlichen Grauzone bewegt. Wer sich für den genauen rechtlichen Hintergrund in Deutschland interessiert, kann bei law-blog.de die relevanten Artikel des Kunsturhebergesetzes nachlesen.

In den USA wurde Anfang 2006 im Prozess Nussenzweig vs. DiCorcia in einer ähnlichen Sachlage zugunsten des Künstlers Philip-Lorca DiCorcia entschieden.
Eine ausführliche Betrachtung dieses Falles, auch in Hinblick auf die deutsche Rechtssituation (mit dem Beispielfall Regina Schmeken von 1997), veröffentlichte Rechtsanwalt Dr. Wolfgang Maaßen 2006 in der PHOTONEWS 7-8/06. Der Artikel “Freiheit der Kunst vs. Recht am eigenen Bild” kann als PDF heruntergeladen werden.
Jörg Colberg diskutierte den “Fall DiCorcia” im Februar 2006 in seinem Weblog Conscientious.

Im April 2006 sah sich Martin Fuchs vom Weblog Journal Of A Photographer ebenfalls mit ernsthaften Problemen konfrontiert, als er in Coney Island ein Kind fotografierte.
Mitte Februar 2007 tauchte die Problematik im Weblog der Agentur Magnum auf. Der Fotograf Martin Parr wurde beinahe verhaftet, als er am Strand von Rio ein Kind fotografierte, dessen Vater damit nicht einverstanden war.

Julie Gauthier, eine Leserin des Magnum-Blogs, verwies in einem späteren Kommentar auf den Fall Aubry v. Vice Versa von 1998 in Kanada, bei dem ein Verlag nach langem Rechtsstreit um die Bildrechte einer Straßenfotografie vor Gericht unterlag (siehe auch hier).
Julie Gauthier schrieb in ihrem Kommentar: “…if photographers stop this kind of art, only will last a faked portrait of my generation… how sad.”

Anfang März 2007 berichtet der Fotograf Bruno Trematore im Ball-Saal Blog über massive Probleme bei seiner Straßenfotografie in Düsseldorf, wo fotografierte Passanten ihn mehrfach aufforderten das Bildmaterial zu löschen.
Die anschließende Diskussion im Blog berührt Fragen wie regionale Unterschiede in der Reaktion auf Straßenfotografen, Überwachung des öffentlichen Raumes und die sich verändernde Auffassung vom Recht am eigenen Bild des “Normalbürgers”.

Ich bin nicht sicher, ob es stimmt, aber die “gefühlte” Rechtsunsicherheit für Fotografen im Bereich Straßenfotografie nimmt immer weiter zu.
Und dies zu einem Zeitpunkt,wo die Überwachung des öffentlichen Raumes durch Staat und Unternehmen bereits ein riesiges, nie geahntes Ausmaß angenommen hat (und kaum jemand weiß wirklich wer diese Bilder wann sieht).
Ebenso hat sich die Wahrnehmung von (Foto)Kameras in Zeiten, wo jeder ein “Superstar” sein kann, in einer veränderten Medienwelt mit gewandelt.

Auch wenn es erst wenige Gerichtsprozesse in Sachen Bildrecht und Straßenfotografie gab, die öffentliche Aufmerksamkeit erzeugten, so haben diese Prozesse sicherlich bereits Einfluss auf geplante oder angedachte Projekte von Fotografen genommen.

Sollen Bücher wie Andreas Herzaus “Deutsch Land” oder René Burris “Die Deutschen” in Zukunft nicht mehr möglich sein?
Als jemand, der sich kreativ mit dem Thema Straßenfotografie beschäftigt, bin ich der Überzeugung, dass Straßenfotografie wichtig ist.
Ein genauer Blick auf unseren “gewöhnlichen”Alltag ist wertvoll, in künstlerischer wie in zeitgeschichtlicher Hinsicht. Sollen wir das Feld den staatlichen Überwachungskameras und den mit künstlichen (Werbe-)Modellen gefüllten Hochglanzzeitschriften überlassen?

Ich finde, das sollten wir nicht.

Die Rechte des Einzelnen sind ein hohes Gut, genauso wie die Freiheit der Kunst. Für die Zukunft wünsche ich mir in etwaigen Streitfällen Richter mit einem guten Augenmaß für die Verhältnismäßigkeiten und Gerichtsentscheidungen, die der Straßenfotografie in unserer Zeit eine Chance lassen.

Einen Prozess riskiere ich. Wenn ich es mir finanziell leisten kann, auch zwei oder drei …

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Kategorie » Kunst & Fotografie «

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2 Pingbacks

  1. 31 Okt 2007

    Straßenfotografie: Wie geht das? « Schauplatz

    via Pingback

    [...] nicht eingehen, da haben sich schon einige Kollegen geäußert, so etwa Peter Feldhaus vom Sonic Blog, Tim vom Fotonews-Blog, Martin vom Public Eye Blog. Das Thema wird immer wieder in Foren und Blogs [...]

  2. 13 Apr 2007

    FOTONEWS : Straßenfotografie: Was ist erlaubt und wer hat Recht?

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    [...] das Ping-Pong der Herren Mohr, Feldhaus, Ulrich, Welke, Gehret und Storz noch nicht mitbekommen haben sollte – was anhand der kleinen [...]

2 Kommentare

  1. Kommentar ohne Gravatar

    Sonja

    via Website

    13 Jun 2007

    Hallo,

    ein interessanter und hilfreicher Beitrag mit ebensolchen Links! Oft ist Künstlern nicht klar, dass sie dürfen was sie möchten, vorausgesetzt, jemand sagt nicht ganz klar “Nein” während er fotografiert wird. Viele meinen auch, eine Einverständniserklärung sei notwendig, was die Arbeit nun wirklich unmöglich machen würde und eher bei bildjournalistischen Fotos sinnvoll ist.

    Sonja

  2. Kommentar ohne Gravatar

    Andreas

    via Website

    13 Dez 2008

    ein guter Artikel mit passendem Fazit – sehe ich genauso, insbesondere grenzüberschreitend. Was man derzeit, z.B. bei Flickr/Street über das ganz persönliche Leben im öffentlichen Raum von China, Ukraine, Argentinien etc erfährt ist großes Kino und kann der Welt nur gut tun – weiter so.

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